lateinamerikanische Philosophie.


lateinamerikanische Philosophie.
latein|amerikanische Philosophie.
 
Obwohl der geographische Raum, in dem sich die lateinamerikanische Philosophie entfaltet, einen ganzen Kontinent, einschließlich Mexikos und einiger Inseln, umfasst, zeigt ihre Entwicklung in ihren Grundstrukturen eine bemerkenswerte Einheitlichkeit. Bedingungsfaktoren hierfür mögen sein: die gemeinsame spanische Sprache, das gemeinsame spanische Kulturerbe, eine in ähnlichen Bahnen sich vollziehende politische, sozioökonomische und soziokulturelle Entwicklung, der spanische Katholizismus. Einen Sonderfall bildet in sprachlicher, kultureller wie politischer Hinsicht das Portugiesisch sprechende Brasilien, das seine Unabhängigkeit ohne äußere und innere Kämpfe erreichte.
 
 
Trotz des eindeutigen Vorherrschens spanischer Scholastik (besonders F. Suárez) machen sich Einflüsse des Renaissancehumanismus in Mexiko u. a. bei Fray Alonso de la Vera Cruz (* 1504, ✝ 1584), der eine gewisse Modifikation scholastischen Denkens anstrebt, oder auch bei Juan de Zumárraga (✝ 1718) bemerkbar. Elemente kartesischen Denkens rezipiert Carlos de Sigüenza y Góngora (* 1645, ✝ 1700) noch vorsichtig, entschiedener J. Benito Díaz de Gamarra (* 1745, ✝ 1783), der die Autonomie der Vernunft gegen scholastische Autorität ins Feld führt und die empirische Objektivität der Naturwissenschaften hervorhebt. In Argentinien hält Luis José Chorroarín (* 1757, ✝ 1823) gegen R. Descartes an streng scholastischen Positionen fest, während José Eliás del Carmen Pereira zum Skeptizismus Descartes' tendiert und Elemente naturwissenschaftlichen Denkens von N. Kopernikus und I. Newton in sein Denken einbezieht.
 
Übergang und Umbruch (19. Jahrhundert):
 
Zu Beginn werden v. a. die liberalen politischen Ideen von Freiheit und Fortschritt der französischen Aufklärung bestimmend; zugleich gewinnen die französischen »Ideologen« (G. Cabanis) und besonders die positivistische Ideenlehre von A. L. C. Graf Destutt de Tracy mit ihrer Forderung nach Gesellschaftsveränderung und ihrem Sensualismus Einfluss; ein dritter Bestimmungsfaktor ist der Utilitarismus J. Benthams, der bei Bernardino Rivadavia (* 1780, ✝ 1845) und S. Bolívar politisches Gewicht erlangt. Exponenten dieses Einflussspektrums in Mexiko: José María Luis Mora (* 1794, ✝ 1850); in Argentinien: Juan Manuel Fernández de Argüero y Echave (✝ 1832) und Diego Alcorta (* 1802, ✝ 1842), der erkenntnistheoretisch an É. B. de Condillac anschließt. Einflüsse des Saint-Simonismus werden sichtbar bei Juan Bautista Alberdi (* 1810, ✝ 1884) mit Ausstrahlung auf das sozialphilosophische Denken E. Echeverrías und D. F. Sarmientos. Ende des 19. Jahrhunderts bis ins 20. Jahrhundert wird der Positivismus v. a. A. Comtes, H. Spencers, auch J. S. Mills in Argentinien u. a. von J. Alfredo Ferreira (* 1863, ✝ 1938) und dem Mediziner und Psychiater José Ingenieros (* 1877, ✝ 1925) vertreten; in Mexiko richtungweisend von dem Physiker Gabino Barreda (* 1820, ✝ 1881), der ihn in seine Erziehungsreform einzubringen sucht, und von Justo Sierra (* 1848, ✝ 1912), der sich später von ihm distanziert; in Chile von J. Enrique Lagarrigue (* 1852, ✝ 1927); in Bolivien von L. Arce Lacaze (* 1872, ✝ 1929); in Kuba von E. J. Varona. In Brasilien wird Tobias Barreto (* 1839, ✝ 1889) unter dem Einfluss I. Kants und A. Schopenhauers zum Vorläufer des Antipositivismus.
 
Die Entwicklung zu größerer Eigenständigkeit (20. Jahrhundert):
 
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt sich unter Abwendung vom Positivismus und beeinflusst von Kant, Schopenhauer und H. Bergson eine idealistische Philosophie. Zentralfiguren dieser Gegenbewegung sind in Mexiko: J. Vasconcelos und Antonio Caso (* 1883, ✝ 1946), die, vom Intuitionismus Bergsons ausgehend, eine spekulative Metaphysik, eine entsprechende Ethik und Ästhetik entwerfen; in Argentinien: Alejandro Korn (* 1860, ✝ 1936), der den Positivismus wegen seines Determinismus und der Destruktion der Ethik ablehnt und wie Caso eine Philosophie der Person unter Betonung des Werts der Freiheit entwickelt, Alberto Rougès (* 1880, ✝ 1945), der zu seiner Metaphysik zudem Plotin heranzieht; in Peru: Alejandro O'Deústua (* 1849, ✝ 1945), der auch Kant, dem deutschen Idealismus und K. C. F. Krause verpflichtet ist; in Brasilien: Raimundo de Ferias Brito (* 1862, ✝ 1917). In Uruguay entwickelt Carlos Vaz Ferreira (* 1873, ✝ 1958), ursprünglich selbst Positivist, einen eigenen Empirismus. - Seit etwa 1930 werden in Absetzung gegen die spekulative Philosophie die philosophische Anthropologie und Ethik in Richtung auf einen »neuen Humanismus« bedeutsam. Zugleich wird in ganz Lateinamerika J. Ortega y Gasset und durch ihn die deutsche Philosophie mit E. Husserl, M. Scheler, N. Hartmann, M. Heidegger zum Orientierungspunkt. Richtungweisend sind in Mexiko: Samuel Ramos (* 1897, ✝ 1959), der gegen Intuitionismus und Antiintellektualismus einen »neuen Humanismus« begründen will; Leopoldo Zea (* 1912), bedeutender Historiker der mexikanischen Philosophie, der eine für Lateinamerika angemessene Philosophie fordert; in Argentinien, das stärker der vorausgehenden Phase spekulativer Philosophie verhaftet bleibt, Francisco Romero (* 1891, ✝ 1962), der sich an der Wertphilosophie Schelers und Hartmanns orientiert. In Peru vermittelt der Mediziner und Psychologe Honorio Delgado (* 1892) J. G. Fichte, Hartmann, Scheler, schließt v. a. an K. Jaspers an und betont die Bedeutung Paracelsus'. Die europäische Existenzphilosophie findet Eingang bei Adolfo Menéndez und Basave Fernández del Valle (* 1923). In Argentinien entwickelt Carlos Astrada (* 1894, ✝ 1970) seine Philosophie, wobei er, ausgehend von Heidegger, auch marxistische Elemente einbezieht. Mit Fragen der Wissenschafts- und Erkenntnistheorie beschäftigen sich Mario Bunge (* 1919) in Argentinien und Francisco Miró Quesada (* 1918) in Peru. Daneben behaupten sich der Neuthomismus mit Octavio Nicolás Derisi (* 1907) und die Neuscholastik mit Ismael Quiles (* 1906). In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts tritt im Zusammenhang mit der Spezifik metaphysischen Denkens in Lateinamerika ein Philosophieverständnis zutage, das auf die geistig-kulturellen, sozialen und ökonomischen Probleme des Subkontinents ausgerichtet ist. Das spiegelt sich v. a. in der in den 70er-Jahren aufgekommenen befreiungsphilosophischen Strömung wider, die zugleich bestrebt ist, die Authentizität der lateinamerikanischen Philosophie zu erweisen. In Argentinien vertritt u. a. Enrique Domingo Dussel (* 1934) die Auffassung, philosophisches Denken müsse seinen Ausgangspunkt in der radikalen Kritik und der Zurückweisung früherer, besonders europäischer Modelle nehmen. Obwohl bisher noch nicht von einer eigenständigen, authentischen lateinamerikanischen Philosophie gesprochen werden kann, ist die Denkweise durch bestimmte Eigenheiten und Merkmale geprägt, deren Kenntnis für einen wirksamen philosophischen Diskurs im Rahmen der interkulturellen Vermittlung eine notwendige Voraussetzung ist.
 
 
J. L. Abellán: Filosofía española en América 1936-66 (Madrid 1967);
 I. Höllhuber: Gesch. der Philosophie im span. Kulturbereich (1967);
 A. Berendtson: Mexiko and Latin America, in: Handbook of world philosophy. Contemporary developments since 1945, hg. v. J. R. Burr (London 1981);
 H. Krumpel: Philosophie in Lateinamerika. Grundzüge ihrer Entwicklung (1992).

Universal-Lexikon. 2012.

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